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Du bist auch ein Schatzsucher, sagt Albert Maier. Er hat Recht!



„Da ist was drin!“, verkündet Rüdi stolz und hält Albert Maier einen alten Zinnkrug unter die Nase. Er hat dabei diesen typischen Schatzsucher-Gesichtsausdruck aufgesetzt. Kein Wunder, wir - mein Mann Rüdi und ich - befinden uns ja gerade inmitten der Schatzkammer schlechthin: in den Lagerräumen des Kunst- und Antiquitätenhändlers Albert Maier. 



Alle Fotos dieses Beitrags: Rüdiger Lutz Fotografie
Idee + Story: Ulrike Parthen



Wie er mir soeben erzählte, steckt das ganz tief in jedem von uns. Also der Wunsch, vielleicht doch noch irgendwann unverhofft etwas Tolles, Seltenes, Altes oder Rares in den Händen zu halten - vom Flohmarkt, aus Oma Elses Keller oder der Vitrine von Tante Erna. Wenn es so weit ist … dann, ja dann guckt man in etwa so wie der Rüdi jetzt. Danach will man natürlich sofort wissen, wie wertvoll die Entdeckung ist. Im Falle des aktuellen Funds lässt sich das schnell klären.

Albert Maier tut das, was er in der Sendung Bares für Rares ständig macht:

Er begutachtet das Teil augenblicklich von allen Seiten. Man sieht ihm an, dass dabei gerade mehr Adrenalin durch seinen Körper befördert wird als sonst. Ein Schatz?! Bei ihm im Lager? Er kann es kaum glauben. Als würde er da nicht schon alle Schätze bestens kennen. Einige davon wird er mir später voller Stolz präsentieren. Und die hätte ich Albert Maier niemals zugetraut.

Er, großer Liebhaber der Volkskunst, verliert sein Herz an das hier? Echt jetzt? So sehr, dass er sämtliche Utensilien in der weißen Kommode nicht hergeben will. Na, so was! Dazu gleich mehr. Ich muss zuvor unbedingt dieses Phänomen des Entdecker-Gens zu Ende führen. Das ist von Geburt an bei uns allen angelegt worden. Auch bei Albert Maier, wo es trotz jahrzehntelangem Suchen und Finden kein bisschen an Stärke verloren hat.



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Jedenfalls steht die Expertise für Rüdis Schatz nach kurzen 10 Sekunden fest: Es sei zwar erstaunlich, dass es in dem Zinnkrug versteckt ist, aber leider nix wert. Rüdi findet das gar nicht schlimm. Ihm reicht die Tatsache, einen bis dato unentdeckten Schatz ans Tageslicht befördert zu haben.

Wie soll ich das Utensil bloß nennen? „Anstecknadel mit Keramik vornerum“ beschreibt es ganz gut. Vielleicht eine Art Brosche? Er legt sie fein säuberlich an Ort und Stelle zurück, damit dem zukünftigen Käufer des Krugs die gleiche Überraschung gegönnt ist. Ich äußere meine Bedenken, dass alle Menschen nach Lesen dieser Geschichte sofort zu Albert Maier pilgern, da sie den Rüdi’schen Zinnkrug mit Inhalt finden wollen. Es stehen übrigens viele von diesen Zinnkrügen im Lager. Geheimnisvollste Schatzsuche ever also. Lieber Albert, wappne dich besser schon mal für den Ansturm!



Als wäre das nicht schon genug an Aufregung, setzen die netten beiden Menschen dem Ganzen hier noch die Krone auf 

Ein älteres Ehepaar steht unverhofft an der geöffneten Tür links neben uns. Herzallerliebst, die zwei. Halten ein Gemälde in den Händen. Ja, sie wissen, dass Albert Maier persönlich keine Bewertungen mehr durchführt. Das musste er seit Ära Bares für Rares einstellen, er würde sonst einfach nicht mehr Herr der Lage.

Heute drückt er beide Augen zu und geht in seine zweite Begutachtung innerhalb von fünf Minuten. Mein Herz schlägt unmittelbar schneller. Geht mir als fleißige Bares für Rares-Guckerin jeden Tag so, wenn ich voller Spannung die Sendung mitverfolge. Das Ehepaar indes ist momentan wohl am oberen Limit angekommen, was deren Herzklopfen angeht. Schatz oder nicht? Das ist die Frage. Das Gemälde stammt aus einer Erbschaft und wer weiß …

Der Maler soll ein bekannter sein.

Na, das ist doch schon mal was. 100 – 200 Euro, lautet Albert Maiers abschließendes Urteil. Strahlende Gesichter. Ja, ehrlich! Beide strahlen wie Honigkuchenpferde und ziehen mit ihrem Gemälde zufrieden von dannen. Ich verstehe nun, was mir Albert Maier in unserem Gespräch vorhin verständlich machen wollte. Es geht eigentlich immer nur um eines: eine ehrliche Bewertung. Einer, der man trauen kann. Felsenfest! Mehr wollen die Menschen doch gar nicht. Deswegen stürmen sie ja auch seit 2013 in Massen zu Bares für Rares oder hoffen ersatzweise auf Albert Maiers Hilfe außerhalb der Sendung.



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Nach so viel Herzklopfen müssen wir uns allesamt ein paar Minuten sammeln. Ich sitze dazu gemütlich mit meinem Idol auf unserem Interview-Sofa und will dies frisch gesammelt fortführen. Was passiert? Rüdi funkt erneut dazwischen. Dieses Mal keine Entdeckung, sondern bloße Begeisterung. Er findet das Nähkästchen direkt vor uns unfassbar beeindruckend. Und Albert Maier erst.



Er erzählt mir daher haarklein sofort alles darüber. 
Ich komme kaum hinterher mit meinen Notizen und dieser 
wundervollen Geschichte um das ominöse Nähkästchen.


Ich erfahre vom so genannten Japonismus. Um ein Haar wäre mir beim Schreiben dieses komplizierten Wortes ein Fauxpas passiert. Antiquitäten-unerfahren, wie ich bin, hatte ich es zunächst so getippt: Japanismus. Glücklicherweise konnte ich diese Blamage noch rechtzeitig verhindern, denn letztes wiederum hat mit Albert Maier so wenig zu tun wie ein Bobbycar mit einem Formel 1-Rennwagen. JAPONISMUS heißt das, liebe Ulrike. Werde ich ab heute nie wieder vergessen. Wir gucken zu dritt das Nähkästchen an. Dabei bricht eine besinnliche Stimmung über uns herein. Weil es so zauberhaft ist. Ja, ich muss Rüdi Recht geben. Es ist in der Tat wunderschön und stammt aus Japan, wie der Name Japonismus unschwer vermuten lässt. Alles, was um 1900 herum in Japan gefertigt wurde, heißt so. Als gelehrige Schülerin fasziniert mich auch, dass dieser Japonismus unseren Jugendstil beeinflusst haben soll. Und das, obwohl seinerzeit gar nicht so wahnsinnig viele Stücke aus Japan den Weg nach Deutschland schafften. Das Nähkästchen ist ergo uralt, um die 1890 erschaffen. Die Geschichte dahinter macht mir Gänsehaut:



Es war einmal ein deutscher Herr, der wurde vom König von Württemberg nach Japan entsandt


Das dortige Agrarsystem musste dringend aufgebaut werden und er konnte mit seinem Wissen entscheidend dabei helfen. Ganze 10 Jahre verblieb er in diesem fernen Land, machte seine Sache dort ziemlich gut. Nach Deutschland kehrte er in außergewöhnlicher Begleitung zurück. Nein, keine hübsche Japanerin, sondern das Nähkästchen und er waren unzertrennlich. Da das alles bereits sehr, sehr lange her ist, hat es inzwischen ein paar Generationen übersprungen und gehörte zuletzt einer Dame, die es mit einigen anderen Dingen erbte und als Nachlass an Albert Maier veräußerte.



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An der Stelle kommt ein anderer Schatz ins Spiel: der Willi. Wenn Albert Maier ihn nicht hätte, oh weh, dann wären viele ursprünglich schöne Stücke heute nicht ganz so schön, wie sie es nach Restaurierung von Willi wieder geworden sind. 30 Jahre lang vollbringt er das schon gemeinsam mit Albert Maier. Ein Herz und eine Seele, die beiden.



Zurück zum Nähkästchen


Das machte beim Wechsel in Albert Maiers Obhut einen eher mitgenommenen Eindruck. Keine Spur von der einstigen Schönheit. Tja, so ist das leider, wenn man älter wird. Nach Willis Wirken sieht man davon jetzt rein nichts mehr. Albert Maier verrät mir in dem Zusammenhang ein Geheimnis: Er will jemanden überraschen. Da das Kästchen nun wieder gar so hübsch anmutet wie einst, soll es die ehemalige Besitzerin zurückbekommen. Einfach so. Weil er gemerkt hat, wie sehr sie an dem Stück hängt, es aber ja nur mit deutlichen Altersspuren kennt. So schön und in Originalzustand zurückversetzt, ist es ihr gänzlich fremd. Ich sehe die Tränen in ihren Augen bei Übergabe schon förmlich vor mir und muss schnell die meinen verdrücken, sonst kann ich meine wichtigen Interview-Notizen nicht weiterführen.

Während unseres gesamten Gespräches liegt eine besondere Stimmung in der Luft: die große Liebe Albert Maiers für Antiquitäten – und für Menschen. Beides in Kombination ergibt so viel Herzblut, wie man es sonst eher selten vorfindet. Mich beeindruckt er damit umso mehr und ich fühle mich bei ihm fast schon wie zu Hause.



Um ein Haar hätte ich diese wunderbare Erfahrung und damit die Bekanntschaft verpasst 


Liegt daran, dass ich mich anfangs recht schüchtern anstellte. Wie genau kontaktet man ein Idol? Keine Ahnung! Früher war ich nie Fan von irgendwem. Woher soll ich also wissen, wie man sich als Fan zu verhalten hat, damit es beim Idol gut ankommt. Da muss ich erst in Richtung Lebensmitte voranschreiten, um einen älteren Antiquitätenhändler mit langen grauen Haaren zu verehren und die praktischen Probleme eines Fans kennen zu lernen.

Das allergrößte Problem eines Fans plus Endziel lautet: Dem Idol live gegenüberstehen.

Mein persönliches Endziel enthält verständlicherweise eine wichtige Ergänzung: Ich will eine Story über ihn schreiben. Unbedingt! Wie dieses Ziel bloß erreichen? Ich kann ja schlecht einfach anrufen und sagen: „Hallo, Herr Maier, hier ist Ihr Schwäbisch Haller Fan und ich will über Sie schreiben.“ Wenn ich allerdings was super hinkriege, dann freche Ideen aushecken. Da ich nach ausgiebigem Bares für Rares-Studium bei ihm einen gewissen Schalk im Nacken diagnostizieren konnte, hielt ich „frech“ für einen guten Weg. Also nichts wie eine frech-witzige Postkarte nach Ellwangen senden, die erst mal eine Woche bei ihm wirken lassen, um im Anschluss zum Telefonhörer zu greifen. Ich muss verrückt sein, denke ich mir in dem Moment, als das Klingelzeichen ertönt. Einem Herzinfarkt nah vor lauter Aufregung, höre ich eine mir bekannte Stimme am anderen Ende der Leitung. Danach geht alles fix. Schneller, als ich gucken kann, sitzt er einige Tage nach dem Telefonat auf meinem Sofa. AUF MEINEM SOFA! Wir besprechen, wie wir das mit der Story anstellen wollen. So viel Aufregung in so kurzer Zeit musste ich bisher selten verkraften.



Rüdi, mach doch bitte mal ein Foto von uns!


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Wir sind zurück in der Gegenwart angekommen und bei meiner dringenden Bitte an den hauseigenen Fotografen. Deswegen habe ich ihn zu diesem Treffen ja schließlich mitgenommen. Ich kann doch nicht mein großes Idol Albert Maier inmitten seiner Schätze treffen und dann kein Beweisfoto davon mit nach Hause nehmen. Rüdi hat momentan keine Zeit für meine Wünsche. Er ist viel zu beschäftigt damit, die ganzen Exponate abzulichten. Derweil diskutieren Albert Maier und ich die Kleiderfrage für das anstehende Foto. Er ist heute ganz normal angezogen und frisiert. Ob das für ein Foto wohl ausreichen mag? Da wir ja aber eine total echte (normale) Story fertigen wollen, wäre alles andere als normal arg unpassend. Albert Maier ist erleichtert. Er gibt sich gerne normal. So gefällt er mir sowieso am Besten. Endlich findet mein ehelicher Fotograf die nötige Zeit für mein Fan-Foto. Ich bin sehr happy. So sehr, dass ich fast den Showdown des heutigen Treffens verpasse: Albert Maiers Herzens-Angelegenheiten. Also die Objekte, die er partout nicht hergeben will, weil er sein Herz an sie verloren hat.


Die beiden Männer samt Willi und Christian (zu dem komme ich gleich) sind auf dem Weg zum Ort des Geschehens. Ich folge der gesammelten Mannschaft, die vor einer weißen Kommode Halt macht. Ich erwäge irgendwelche Volkskunst in der Nähe, kann aber nichts dergleichen erblicken. Als Albert Maier mit strahlendem Gesicht die erste Schublade der Kommode öffnet, bin ich verwirrt.



Schätze? Wo?


Ich sehe nur einen Haufen zusammengefaltetes Papier. Sieht extrem unspektakulär aus. Ein bisschen so, wie für das Altpapier zurechtgelegt. Wenn Albert Maier diesen Satz liest, weiß ich nicht, ob ich noch sein Fan sein darf. Aber ich kann ja nicht ahnen, was sich nach Ausbreiten dieses „Papiers“ plötzlich für ein Riesen-Schatz auftut. Ich erspähe etwas Pinkfarbenes, rufe sofort laut HALT. Bei Pink und Rosa brennen bei allen Frauen automatisch die Sicherungen durch. Die pink-rosa Phase beginnt bei uns spätestens mit drei Jahren und endet eigentlich nie. Ich bin daher hell entzückt, als ich auf ein Plakat von anno dazumal blicke – mit ganz viel Rosa und Pink. Es scheint, als habe es diese Phase bereits zu früheren Zeiten gegeben. Gedanklich gehe ich schon durch unsere Wohnung und überlege, wo das pinke Stück gerahmt perfekt zur Geltung kommen würde. Ich will gerade nachfragen, was das Plakat kosten soll, als mir die Männer gesammelt einen Strich durch die Rechnung machen. Sie legen mein schönes Plakat einfach zurück in die Schublade und holen stattdessen ein anderes heraus, welches sie für sehr viel toller befinden. Das männliche Geschlecht kann bei pinkfarbenen Angelegenheiten einfach nicht mitfühlen.



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Am Ende dieses denkwürdigen Augenblicks bin ich darüber informiert, dass diese ganze Kommode voll ist mit antiken Plakaten und Zeichnungen. Und dass Albert Maier sie allesamt heiß und innig liebt. So sehr, dass er keines davon verkaufen will. Naja, über das in Pink müssen wir schon noch mal reden, lieber Albert. Es würde prima in unser Schlafzimmer passen.

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Abschließend stehen wir mit Christian mitten in der „Schatzkammer“. Christian ist so etwas wie der zweite Willi, nur um einiges jünger und für andere Belange im Hause Maier zuständig. Aus den Augenwinkeln heraus erspähe ich dabei dieses Büchlein – richtig antik von 1926 in einer Schrift, die ich leider nicht entziffern kann. Es ist furchtbar klein, leider nicht pink, aber immerhin rot. Ich bin trotzdem verliebt. 



Albert Maier bemerkt meinen Zustand sofort (im Gegensatz zu vorhin) und schenkt mir das Buch kurzerhand. Wow, ein Geschenk von Albert Maier. Ich kann es kaum fassen. Es steht inzwischen auf meinem Schreibtisch und schaut mir dabei zu, wie ich diese Geschichte verfasse.

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Sie soll dazu beitragen, dass sich die Menschen weiterhin frohen Mutes auf Schatzsuche begeben. Die Hoffnung dabei nicht aufgeben, eines Tages tatsächlich auf einen solchen zu stoßen. Dieses Gefühl ist einfach zu schön, um ihm nicht nachzujagen. Wie man sieht, spielt der Wert dabei nicht immer die tragende Rolle. Was Albert Maier dabei allerdings am Herzen liegt und ich Ihnen allen von ihm ausrichten soll: Egal, welchen „Fund“ oder welches Erbstück Sie in den Händen halten mögen. Informieren Sie sich ausreichend. Holen Sie sich bestenfalls mehrere Experten-Meinungen zum Schätzpreis ein. Damit Ihr Schätzchen auch wirklich so honoriert wird, wie es das verdient hat.





Über die Autorin Ulrike Parthen:


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©Rüdiger Lutz

Kickoff Heiligabend 1968, Ideenquelle erstmalig angezapft mit 10 Jahren. Meine Deutschlehrerin so was von baff. Quelle sprudelt nach Jahrzehnten immer noch. Austrocknungsgefahr? Nicht in Sicht! Spezialisiert auf das emotionale Texten/Storytelling/Ideenstiften/Sichtbarmachen von Persönlichkeiten, Werten, Botschaften. Mein Handwerkszeug vor vielen Jahren bei einem der Besten Deutschlands gelernt. Inzwischen tausende Texte und Storys verfasst, Branchen querbeet, online/offline und mindestens genauso viele Ideen ausgeheckt.





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