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Parade der Marketing-Peinlichkeiten:
"Hey Baby, i only will manipulier you!"



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Foto: Rüdiger Lutz



Als ich Marketing und Texten gelernt habe, gab es diesen neumodischen Trend noch nicht. Also, diese Wissenschaft schon, die sich Neuromarketing nennt. Total cool, ich mag Wissenschaften grundsätzlich. Nur eben nicht, wenn man sie wegen so einem Trend dreimal im Kreis dreht und ausschlachtet. Geht so:

Eine gesponserte Anzeige flattert in meine Timeline mit der Headline: „5 fatale Fehler, die du bei Facebook unbedingt vermeiden solltest.“  Aha.

Ich scrolle weiter: „4 Schritte zu deinem garantierten Facebook-Erfolg.“ Hilfe! Ich kann mich kaum retten vor lauter fatalen Fehlern, irgendwelchen Schritten oder Tipps zum Erfolg. Jeden Tag, jede Woche, ständig und zu tausenden überschwemmen die Fatal-Anzeigen meine Timeline.

Aus Spaß und Testzwecken mache ich die Prozedur öfter mit. Mich interessiert brennend, was für nette Sachen sich der Absender danach ausgedacht hat. Das Prinzip wiederholt sich immer, nur in anderer Ausführung.



Klaro, ich kriege zunächst irgendein Freebie. Juhu, das wollte ich schon immer haben.


Es wird angepriesen mit einer Sensation für mich. Meistens in beruflicher Hinsicht und wie ich erfolgreicher werde. Ich schenke dem Absender für meinen Selbstversuch meine Mailadresse. Ich bestätige das Optin und schon blinkt mir eine Dankeseite mit enorm viel Werbung entgegen. Irgendwo dazwischen ist der Link versteckt, auf den ich klicken soll, um mein Freebie downzuloaden. Tz, da hätte der Absender ehrlicherweise doch gleich schreiben können: „I will doch bloß sammel your Mailadress, damit ich danach kann manipulier you besser“. Einer meiner Testobjekte bietet sogar einen Onlinekurs an, in dem er alle diese Manipuliertricks offen verrät. Gegen viel Geld natürlich.



Ich öffne mein Freebie. Eines von vielen, die alle eines gemeinsam haben: einen schrecklich sinnlosen Inhalt.


Boh, ich bin beleidigt. Wo mir zuvor doch mit Pauken und Trompeten die Sensation angekündigt wurde. Ich suche und suche und finde die Sensation einfach nicht. Nur einen aufgeblähten Inhalt, um irgendwie die Seiten für das inhaltlose Freebie vollzukriegen. Wenigstens bei der Gestaltung gibt sich der Absender Mühe, das muss man ihm lassen.

Am Ende kommt die Auflösung, warum ich die Sensation so niemals erhalten darf. In Geheimsprache natürlich, wie es beim Neuromarketing-Trend üblich ist: Übersetzt bedeutet es so viel wie: „Ich verrate dir keine echten Geheimnisse, die sollst du doch jetzt gefälligst bei mir kaufen.“

Damit ich das auch wirklich tue, kriege ich jeden Tag eine Mail. Dabei wird die gesamte Trickkiste angewendet, die diese Marketing-Methode hergibt:


Streng limitierte Auflage, nur noch 10 Stück erhältlich.“
„Das Angebot endet in 1 Tag, 12 Stunden und 6 Minuten.“

„Wenn du kaufst, wirst du den gleichen bombigen Erfolg haben wie ich (und wie Beispielfall Müller-Mayer, Beispiel-Fall Schmidtchen-Schleicher.)“ – Anmerkung meinerseits: Alle fahren megateure Autos und sind ständig irgendwo unter Palmen abgelichtet.

„Zum absoluten Sonderpreis nur jetzt und nur für dich: statt 4900 Euro für nur 900 Euro.“



Ich lasse die Frist leichtsinnigerweise verstreichen. Himmelherrgott, ich muss verrückt sein – bei so einem Angebot. Passiert aber erst mal nichts Schlimmes. Außer einer weiteren Mail:

„Eigentlich sind wir ja ausverkauft. Aber weil die Nachfrage so groß war, blabla, nur deswegen und weil du es bist und alle die gleiche Chance haben sollen, kriegst du mein tolles Produkt doch noch zum selben Juhu-Preis.“



Na warte, ich kann auch penetrant sein. Ich ignoriere so was von penetrant einfach jede weitere Mail.


Komischerweise werden sie schnell weniger und kommen irgendwann gar nicht mehr. Bestimmt bin ich jetzt in den Listenstrang „Die Doofe kauft nicht, bitte aussortieren, jede weitere Mail an die ist reine Zeitverschwendung!“ ausgemustert worden. Dafür bin ich extrem dankbar, das erspart mir das Austragen.

Weil es so schön ist, kommt das Beste zum Schluss. Auch ein Trick 17 des Neuromarketing-Trends. Wieder einen Facebook-Anzeige. Dabei verschenkt ein Experte sein Expertenbuch. Ganz für umsonst. Ich müsse nur das Porto bezahlen, denn es soll per Post geliefert werden. Ist ja wohl klar, dass ich als auserwiesene Trendforscherin das testen muss.



Gleiches Spiel: Ich verschenke meine Mailadresse.


Danach bestätige ich das Optin. Die Dankeseite ploppt auf. Wow, hier war die Königsklasse an „I will manipulier you“ am Werk. Niemals zuvor habe ich so viele Felder auf einmal blinken sehen. In Rot. Bestimmt weiß das Neuromarketing genau darüber Bescheid, was dabei in meinem Hirn passiert. Die Augen kommen nicht mit, das Hirn ist verwirrt. Verwirrung ist immer gut, da man schnell versehentlich auf eines der blinkenden Dinger drückt. Und das soll ja so sein.

Die Seite ist kilometerlang. Ich scrolle nach unten. Es blinkt weiter. Ich blicke inzwischen rein gar nichts mehr und suche doch nur den Link, mit dem ich die Bestellung von meinem Buch abschließen muss. Ich finde ihn nicht unter all den aufleuchtenden Teilen.

Nach viermaligem Absuchen der gesamten Blinker-Seite werde ich fündig. Sehr geschickt gemacht. Wie beim Topfschlagen früher. Man rennt blind durch die Wohnung, haut überall drauf und findet eventuell irgendwann das Ziel. Der Mini-Link ist gekonnt versteckt. Haha, ich bin Spürnase und habe ihn trotzdem gefunden. Ohne dabei aus Versehen weitere Bestellungen bei dem Herrn ausgelöst zu haben.



Ich warte auf mein geschenktes Buch, für das ich „nur“ 5,90 Euro Porto zahlen soll.


Mir schwant als Neuromarketing-Kennerin schon vorher, was jetzt kommt. Und so kommt es auch. Mein „Buch“ ist endlich da, yippie. Die Verpackung sieht komisch aus: ein großer, flacher DIN A4-Umschlag. Hä? Da soll mein Buch drin sein? Klar! Weil das „Buch“ ja gar kein Buch ist, sondern ein billigst zusammen getackertes DINA 4-Blätterwerk. Grausam im Anblick.

Kommen wir zum Porto des geschenkten Buches. Ich muss das immer so penetrant wiederholen, das ist echt wichtig für die Auflösung des Neuromarketing-Tricks. Auf dem Umschlag sind exakt 1,70 Euro entwertet worden. Rechnen wir 30 Cent für den Umschlag, vielleicht auch ein bisschen mehr, macht das um die 2 Euro Porto und Verpackung. Bleiben 3,90 Euro, um das geschenkte Buch zu refinanzieren.



Das ist der Trick!


Wird von den Trend-Neuromarketern sogar öffentlich empfohlen: „Tue so, als ob du ein Geschenk machst. Setze das Porto dann aber so hoch, dass du dein Produkt damit finanzieren kannst.“ Ich bin sehr traurig, dass mein Geschenk gar keines ist. Zumal mit dem tollen „Experten“-Inhalt wieder mal niemand was anfangen an.






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