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Gib dem Wahn einen Sinn - Erlebnisbericht HR


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„Liebes Unternehmen Müller-Mayer, auf deiner Karriereseite steht, dass du Talente suchst. Was für ein Zufall, dass ich eines bin. Das wollte ich dir gerne mitteilen. Als Frau der Baureihe 68 bin ich ohne digitalen Schnickschnack groß geworden, da Herr Digital das erst relativ spät erfunden hat. E-Mails schreiben und lesen beherrsche ich dennoch aus dem Eff-eff. Weil ich das so gut kann, würde ich dir gerne schreiben. Ich darf aber nicht, denn du hast was viel Digitaleres erfunden ...

Foto: Rüdiger Lutz


Es nennt sich Bewerberportal, das dir mein Bewerbungs-Schreiben per Mail vom Hals halten soll. Bitte sei nicht böse, wenn ich dir jetzt sage, dass dein Portal ziemlich unintelligent ist. Ich kann mich leider nicht entscheiden, welches Häkchen ich nehmen soll. Keines davon passt so recht, was an den Ecken und Kanten liegt. Talente haben die immer. Deswegen sind sie ja Talente. Als offizieller Talente-Sucher solltest du das eigentlich wissen. Ich erinnere dich vorsichtshalber noch mal daran, denn wir zwei haben jetzt ein echtes Problem: Du wirst nie von meinem Talent erfahren. Wegen dem unintelligenten Portal und weil du meine Mail nicht haben willst. Denn dort, ja dort könnte ich mein Talent so richtig ausbreiten. Da es viel Platz und Gestaltungsspielraum bietet für meine Ecken und Kanten, die einfach nicht in diese doofen Kästchen in deinem digitalen Karrierewunder passen wollen. Das macht mich traurig, denn es bedeutet Abschied. Tschüss liebe Müller-Mayers, es hätte so schön werden können mit uns.“



„Liebes Unternehmen Schmidtchen-Schleicher, wie ich mit Hurra und Freuden feststelle, darf ich dir mailen. Ich bin so glücklich, denn Unternehmen Müller-Mayer ist strikt gegen diese Mails. Zumindest, wenn sie von Bewerbern kommen. Kunden wiederum dürfen immer mailen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Da ist das Unternehmen sogar ganz aus dem Häuschen. Liegt daran, dass die meistens Geld dort lassen im Gegensatz zu mir. Ich will ja welches. Ups, jetzt habe ich mich verplappert. Okay, dann ist es nun raus. Ich will von dir leider auch Geld. Im Gegenzug kriegst du mein Talent, und das ist ehrlich gesagt unbezahlbar. Kurzum: Voilà, du hast mich gesucht, hier bin ich.“



Vier Wochen später:

„Liebes Unternehmen Schmidtchen-Schleicher, ich bin beleidigt, und das liegt an dir. Ich weiß nicht, wie das bei dir früher war. Meine Mutti jedenfalls hat mir beigebracht, dass man artig Antwort gibt, wenn ich von jemand was gefragt oder angesprochen werde. Wo kämen wir da hin, wenn jeder nur noch rumschweigt. Das Knöpfchen ist oben links. Manchmal auch rechts. Auf das musst du drücken. Manchmal steht „Senden“ drauf und schon ist deine Mail retoure bei mir. Dauert keine zwei Sekunden plus drei Minuten, die ja wohl ausreichen müssten zum Verfassen einer minimalen Antwort. Wenn dir schon 3,02 Minuten zu viel Mühe sind, gibt mir das wirklich zu denken. In dem Fall tausche ich wohl doch lieber mit jemand anders. Adieu.“ 



HR-Abenteuer - nix für schwache Nerven 

Meine Nerven sind meistens prima, bis ich ein für mich fremdes Territorium betrete, das sich HR nennt. Normalerweise bin ich direkte Kommunikations-Komplizin für meine Endkunden. Im Freelance-Modus für Unternehmen eher seltener unterwegs. Jetzt wollte ich das aus reiner Neugier mal probieren. Also schicke ich 42 Bewerbungen an Unternehmen mittlerer Größe - als externe Mitarbeiterin.

Resümee: 35 Mal keinerlei Antwort. Also gar keine! Nicht mal die schnarchnasigen Standardabsagen. Und das, wo alle mit großem Tamtam auf ihre gelebten Werte hinweisen. Kann man groß auf deren Webseiten lesen. Leeres Blabla, sonst nix. Mein gesunder Menschenverstand und ich sind uns einig: Bei so einem Schwachsinn machen wir nicht weiter mit. Denn wir stehen zufällig auf so simple Dinge wie Respekt und Höflichkeit. Mailt mir jemand, antworte ich. So einfach ist das.






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