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In diesem Acker soll ein „Juwel“ versteckt sein.
Wir sind sofort los, es suchen gegangen.



Idee + Story: Ulrike Parthen

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©Rüdiger Lutz Fotografie

Eine Art Juwel in so einem unscheinbaren Acker vergraben? Kann ich nicht glauben. Also nix wie den Rüdi geschnappt und das Ding suchen gegangen ... Ein nebliger Novembermorgen. Es ist Sonntag und Rüdi findet, dass der Nebel fotografiert gehört. Wir streifen schnell unsere Expeditions-Klamotten über. Die sollte man grundsätzlich am Leibe tragen, wenn man mit einem verrückten Fotografen samt Kamera das Haus verlässt. Dass wir dabei sogar auf einem Juwel rumlaufen werden, kann ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen.



Der Schatz im Acker



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©Ulrike Parthen



Das Wortspiel "Der Schatz im Acker" kann ich mir bei dieser Gelegenheit nicht verkneifen. Schließlich kniet „mein Schatz“ soeben im Dreck. Wie man sieht, ist er auf der Jagd nach dem besten Nebelfoto. Ich indes auf der Jagd nach dem besten Schatz-Foto, was mir erfolgreich gelungen ist. 

Eine Stunde später setze ich meine fotografische Ausbeute in eine Schwäbisch Haller Fotogruppe des bekanntesten Sozialen Netzwerks. Weitere zehn Minuten vergehen, als sich ein Landwirt zu Wort meldet und diesen Acker als den seinen identifiziert. Au Backe, kriegen wir nun Schimpfe, weil wir darauf unsere Expedition gestartet haben? Nö, im Gegenteil. Er findet das lustig. Wir merken sehr schnell, dass wir einen ähnlich schrägen Humor haben und zufällig auch noch im selben Dorf wohnen. Ich kündige einen Besuch an. Die Juwelen-Entdeckung liegt kurz bevor!



Michael Reber: Acker-Liebhaber, Humusgehalt- und Ackerböden-Insider, Landwirt –
und ein kleines bisschen auch Rebell



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©Rüdiger Lutz Fotografie



Der große Tag ist gekommen. Acker-Besitzer und Acker-Besetzerin treffen sich. Ich zücke meinen Interview-Notizblock und frage Michael, was er für Tiere hat. Gar keine! Außer halt den Pferden seiner Frau. Hä? Ein Landwirt ohne Tiere? Verstehe ich nicht. Kein Wunder, ich bin in diesen Sekunden ja noch relativ Landwirtschafts-ahnungslos. Inwieweit sich Michael über dieses recht unerfahrene Dorf-Mädchen mit seinen lustigen Fragen amüsiert, kann ich nicht sagen. Er zuckt kein bisschen mit der Wimper, auch bei meinen weiteren, teils sehr ulkigen Fragen.

Ich erfahre von den Schweinen. Aha, wir kommen der Sache näher.

Also die Schweine, die es jetzt halt nicht mehr gibt. Och menno, ich wähnte mich meinem im Kopf zurechtgezimmerten Landwirt-Bild kurzzeitig noch mal so nah. Mit seiner Antwort wurde es erneut zerstört. Seine Eltern hatten Schweine. Er später auch, sogar ganz viele. Extra riesige Ställe gebaut hat er und mächtig expandiert. So bekam er das im Studium irgendwann mal gelehrt.

Oh je, Michael mag gar keine Schweine!


Da stand er nun mit seinen vielen Schweinen und merkte, dass er die eigentlich gar nicht so mag. Schon als Junge war er viel lieber auf dem Acker unterwegs als im Stall. Da im Lehrbuch aber was von Expansion und vielen anderen komplizierten Dingen stand, tat er blind, was er gelernt hatte (Anmerkung der Verfasserin: sehr laienhaft sinngemäß wiedergegeben). Obwohl ihm sein Bauch anderes zuflüsterte. Wenn man auf den nicht hört, muss eben die Realität nachhelfen. So auch bei ihm. Viele widrige Umstände bewirkten, dass ihm seine Schweinezucht ein echtes Existenzproblem einbrockte. Vor allem deswegen, da es Landwirte heute echt schwer, mit einer unguten Entwicklung und massenhaft Problemen zu kämpfen haben.



Hopp oder top – Schweine oder Acker


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©Philipp Ledényi



Da Michael ein verantwortungsbewusster Familienvater ist, traf er 2009 eine Entscheidung. Mit viel Grips und noch mehr Bauch. Nix mehr Schweine, er ist Ackerbauer durch und durch. Da er mit seinen 240 Hektar davon aber nicht existieren kann, musste eine Lösung her. Die steht seit gleichem Jahr auf dem Hof, ist rund und groß. Es nennt sich Biogas-Anlage. Dass die indirekt auch was mit dem Juwel zu tun hat, erfahre ich gleich.



Strom und Wärme für alle? Okay, nicht für alle, aber ein Haller Stadtteil kriegt beides inzwischen von Michael


Auch die Belange der Stromerzeugung betreffend, zeige ich mich unerfahren. Michael fängt also bei Adam und Eva an und erklärt mir, wie das funktioniert. Kurz gefasst in der Weise: Die gesamte Ernte seiner Äcker kommt in die Biogas-Anlage. Dort erzeugen die Bakterien des Grünzeugs zusammen mit Gülle und Mist von Nachbars Kühen Strom sowie Wärme. Das wird an ein Energie-Unternehmen verkauft, das davon wiederum diesen Stadtteil von Schwäbisch Hall mit Strom und Wärme davon versorgt. Michael ist daher extrem motiviert, jedes Jahr eine gute Ernte einzubringen, damit den Leuten ja nicht der Strom ausgeht. Kleiner Scherz, liebe Leute. Keine Panik kriegen jetzt. Natürlich geht der Strom bei euch inmitten des hochtechnisierten Deutschlands niemals aus. Nie, nie, unter keinen Umständen.  

So mancher hier in der Umgebung soll seine Bemühungen mit Argusaugen beobachten. Andere wiederum finden unmöglich, dass seine Ernte nicht zu Lebensmitteln verarbeitet wird, sondern zu Strom. Bestimmt sind das die Leute, die selbst regelmäßig einen Haufen Lebensmittel zu Hause wegschmeißen oder nur die perfekt gerade Gurke im Supermarkt kaufen. Der Rest wird zwangsweise massenhaft entsorgt, da im Supermarkt bloß noch zu den akkuratesten Formen der Schöpfung gegriffen wird. Sich dann aber über Michaels Biogas-Anlage aufregen. Das soll mal einer verstehen. 



Fast den Juwelen-Show-Down verpasst. Weil Michael viel zu bescheiden ist.


Landwirte kenne ich bisher nur aus „Bauer sucht Frau“. Ich bin daher ganz erstaunt, dass Michael ganz anders ist. Irgendwie normal halt. Mir gefällt, dass er locker drauf ist, eine Menge Humor hat und bodenständig denken kann. Anders gesagt: Er benutzt seinen gesunden Menschenverstand. Am Allertollsten aber finde ich sein Herzblut für diese eine Sache. Das möchte er mitsamt den dahinter liegenden wichtigen Botschaften vermitteln und muss dazu manchmal ein bissel rebellisch sein. Kann man verstehen. Die Menschen glauben oft eher irgendwelchen Pressemeldungen als einem Insider. Michael ist Top-Insider und regt sich daher tierisch darüber auf, dass ständig Halbwahrheiten in Sachen Landwirtschaft kursieren. Sogar von hoher Seite aus. Und immer sind die Bauern an allem schuld.

Daher klärt er nun alle Menschen darüber auf. Dafür hat er extra einen Blog erschaffen. Darin schreibt er sich alles von der Seele, was hierbei schief läuft. Sogar die Presse war schon mehrfach bei ihm und er hält allerorts Vorträge. Über das Juwel. Endlich kommt er mal zur Sache und erzählt mir nebenbei und bescheiden von einer Sensation, die er da geschaffen hat. Er allein. Mit seinem Wissen und dem gesunden Menschenverstand. Dafür ohne jegliche Fördergelder. Die gibt es für solche wunderbaren Dinge leider nicht. Meistens nur für total widersprüchliche.



Die Natur ist schlau. Michael auch.


Sein Juwel lautet: 3,5 % Humusgehalt seiner Ackerböden. Erreicht in gerade mal drei Jahren Pionierarbeit. Liest sich erst mal wenig sensationell. Wirst du gleich anders sehen, wenn du die Wahrheit erfährst. Die ist eher traurig und ich werde jedes Mal dran denken, wenn ich fortan in mein Brot beiße oder meine Nudeln esse.

Auf den Äckern wächst meistens Getreide. Da das mit der Landwirtschaft politisch gesehen und überhaupt so schwierig geworden ist, bleibt einem Bauern quasi nichts anderes übrig, als massenhaft gute Ernte zu produzieren. Egal wie! Sonst kann er nicht existieren. Im Ackerbau funktioniert das so: Man kippe reichlich mineralischen Dünger und Ähnliches über dem Acker aus, der völlig ausgelutscht daherkommt. Ausgepresst wie eine Zitrone. Arg viele Nährstoffe oder Spurenelemente finden sich darin aufgrund des exzessiven Anbaus nicht mehr. Da die Pflanzen jedoch irgendwoher ihr „Benzin“ brauchen, um so üppig wie möglich zu wachsen, muss der Landwirt dies künstlich zuführen. Im Boden selbst ist davon ja kaum noch was drin. Das wiederum hat seine Tücken, da die Pflänzchen nun gar empfindlich gegen alles sind, was sehr viel Chemie wiederum bestens zu verhindern weiß. Der Kreislauf der ausgezehrten Böden ist deswegen einer, der nie mehr enden wird. Außer bei Michael.



Michael und ich. Zwei Rebellen tun sich zusammen - für die gute Sache!


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©Rüdiger Lutz Fotografie



Die Natur regelt das mit den Mineralstoffen, Spurenelementen und dem Humusgehalt normalerweise von selbst. Sie braucht keinen Dünger und auch keine Chemie. Sie kann es viel besser als wir Menschen, was uns nicht hindert, trotzdem darin einzugreifen. Daher haben die meisten bewirtschafteten Ackerböden nur noch einen Humusgehalt von 1,5 – 2 %. Michael sagt, dass ist gar nicht gut und sollte dringend geändert werden. Eine schöne Naturwiese hierzulande schafft es auf 5 – 6 % und annähernd dorthin will Michael in den nächsten zwei Jahren mit seinen Ackerflächen auch kommen. Ich habe keinerlei Zweifel, dass er dies nicht schaffen wird. Sehr schlau, der Michael. Denn davon haben schließlich alle was: du, ich, die Natur und auch er selbst als Landwirt, da die Landwirtschaft dadurch wieder extrem wirtschaftlich wird.

Ich bin sehr happy, durch diesen Artikel auch ein bisschen rebellisch sein zu dürfen und Michael in seiner Herzblut-Aufklärung zu unterstützen. Auf dass unsere Politiker aus erster Hand erfahren, was für einen Blödsinn sie da oft zelebrieren. Und auch, wie genau man es logisch und richtig machen könnte. Michael ist allerbester Lehrmeister dafür. Ihr Presse-Menschen wiederum, bitte macht euch zahlreich auf zu Michael, lasst euch die Sachlage erklären und berichtet darüber allerorts. Der Verbraucher hat es verdient. Unsere Landwirte auch!

Wer mehr über Michael Reber aus Schwäbisch Hall-Gailenkirchen erfahren oder lesen möchte: HIER geht es zu seiner Webseite und zu seinem Blog. 





Über die Autorin Ulrike Parthen:


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©Rüdiger Lutz

Kickoff Heiligabend 1968, Ideenquelle erstmalig angezapft mit 10 Jahren. Meine Deutschlehrerin so was von baff. Quelle sprudelt nach Jahrzehnten immer noch. Austrocknungsgefahr? Nicht in Sicht! Spezialisiert auf das emotionale Texten/Storytelling/Ideenstiften/Sichtbarmachen von Persönlichkeiten, Werten, Botschaften. Mein Handwerkszeug vor vielen Jahren bei einem der Besten Deutschlands gelernt. Inzwischen tausende Texte und Storys verfasst, Branchen querbeet, online/offline und mindestens genauso viele Ideen ausgeheckt.





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