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Ob Marketing oder First Date: Den aalglatten Superhelden zu mimen, wirkt in beiden Fällen abtörnend


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©Rüdiger Lutz

Superhelden haben keine Schwächen und kriegen immer alles perfekt hin. Demnach müssten die meisten Unternehmer Superhelden sein, wenn ich deren Webseiten, Social Media-Nachrichten oder Presseberichte lese. Aalglatte Super-Perfektos. Dabei lieben Menschen diese Art von Helden sehr viel mehr: die den Mut haben, sich echt zu zeigen - Scheitern und Schwächen inklusive. 


„Da vorne ist das Klo“, sagt die nette Dame in Weiß. Hier tragen alle weiß, bis auf Herr Doktor, der ist komischerweise blau. Also nicht sein Alkoholpegel, sondern seine Kleidung betreffend. „Und wie komm ich da hin?“ Mit der Frage habe ich den heutigen Jackpot wohl nicht gewonnen. Die Stimmung von Blau-Weiß ändert sich schlagartig. „Stellen Sie sich mal nicht so an. Auf ihren zwei Beinen, wie auch sonst“, sagt sie und drückt mir den kleinen weißen Becher in die Hand. Aha. Ich bin entschieden anderer Meinung. Liegt daran, dass ich hier elend darniederliege und nicht sie. Herr Doktor funkt dazwischen mit den Worten, er habe selten so tolles Blut wie das meine gesehen. Trotz dieser erfreulichen Tatsache kann ich mich auf meinen zwei Beinen kaum halten. Ich erwäge, dass ein anderer als mein Blut schuld sein muss an meiner derzeitigen Misere. Diese verbringe ich an diesem schönen Sonntagabend in der Notaufnahme. Tatort verpasst. Verdammt! Himmelherrgott, wer ist denn bloß verantwortlich, wenn nicht mein Blut? Irgendjemand hat immer Schuld. Nach zweieinhalb Stunden Großfahndung werde ich entlassen. Ohne Täter, dafür immer noch liegend. Mein Blut und ich werden wieder nicht ernst genommen. So wie immer.

Ein neues Fahndungskommando muss her aus einem fernen Land – dem Wunderheilerland. Fräulein Kuhlenbusch wohnt dort und will mich gesund machen. Sie fahndet mit dem Pendel. Sie schwört, dass das ihre das Beste der ganzen Pendelfamilie sei und niemals irre. Außer bei mir, da streikt es plötzlich, was nicht an mir oder meinem tollen Blut liegt. Nein! Es sind die Menschen, die noch nicht im Licht angekommen sind. Hä? Welche Menschen und welches Licht? „Das im Himmel“, antwortet sie beseelt. Es funktioniert so, dass man in eine Art Fahrstuhl steigt, wenn man stirbt. Der führt einen direkt in das Licht im Himmel. Manchmal drücken die Menschen aber das falsche Knöpfchen oder haben noch keine Lust auf den Himmel. Dann halten sie den Aufzug einfach an irgendeiner Stelle an und landen damit in meinem Körper. Meistens auch in meiner Seele. Potzblitz! Das ist ja ein Ding. Jedenfalls müssen wir diese Menschen unbedingt dazu kriegen, wieder in diesen Aufzug zu steigen und weiterzufahren. Weil sie sonst mächtig Schaden in mir anrichten. Ich beende die Fahndung abrupt, denn ich bin mir sicher: Der Fahrstuhl ist an meinem Elend definitiv nicht schuld.


Wo ist das Happyend?


Als Autorin dieser Story überlege ich gerade, wie ich nun bloß die Kurve kriege. Ein Happyend muss her. Gar nicht so einfach, denn diese lustige Story ist Teil meiner Geschichte, die sich in real weitaus weniger lustig gestaltete. Hinfallen, aufstehen – immer wieder. Tausendfach über Jahrzehnte hinweg. An sich selbst glauben, auch wenn längst kein Mensch mehr an einen glaubt. Auf Besserung hoffen, bangen, wieder Enttäuschungen einstecken müssen. Und dann wäre da ja noch die Sache mit dem Business. Meine Geschichte prallt in Form der Freiberuflerin Ulrike Parthen frontal auf die „Höher-schneller-weiter-Mentalität“ im Business, in dem es nur aalglatte Superhelden zu geben scheint. Da kriegt man als Nicht-Superheldin zweifelndes Stirnrunzeln. Um irgendwann erleichtert festzustellen: Ist ja gar nicht wahr. Die schwindeln allesamt. Jeder hat Schwächen und jeder ist schon mal in irgendeiner Form gescheitert. Der Vorstandsvorsitzende eines Großkonzerns genauso wie Sie und ich. Mit dem Unterschied, das er das wohl nie zugeben wird dürfen in diesen Höhengraden. Wir schon! Toll, oder? Es ist die Story hinter der Story, die Menschen interessiert. Echte Menschen zum Anfassen mit echten Geschichten. Der Stoff, aus dem die meisten Hollywood-Erfolge gestrickt werden. 



Epilog:

Ertappt! Sie zögern gerade noch ein bissel und überlegen hin und her. Soll ich ... wirklich? So offen sein? Kleine Entscheidungshilfe meinerseits:  Schwächen sind immer auch Stärken, sofern man sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Scheitern ist sogar supi. Woher soll man sonst auch Wichtiges lernen. 





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